12/06/2026
Zwischen den Kilometern – Sardiniens stille Straßen
Der Motor brummt gleichmäßig unter mir. Keine Eile. Kein Termin. Kein Ziel, das unbedingt erreicht werden muss.
Vor mir zieht sich die schmale Straße durch die Hügel Sardiniens. Rechts uralte Olivenbäume. Links eine Mauer aus Naturstein, die hier vermutlich schon stand, als mein Großvater noch ein Kind war.
Der Wind trägt den Duft von wildem Rosmarin durch die Lüftungsschlitze meines Helms.
Ich fahre.
Nicht schnell.
Nicht langsam.
Einfach genau richtig.
Zwischen den Kilometern passiert etwas Merkwürdiges. Die Gedanken werden leiser. Probleme, die zu Hause riesig wirken, schrumpfen plötzlich auf ihre wahre Größe zusammen.
Die Straße steigt an.
Hinter der nächsten Kurve öffnet sich der Blick über die Insel. Weit unten glitzert das Meer in der Sonne. Dahinter nur noch der Horizont.
Für einen Moment halte ich an.
Motor aus.
Stille.
Keine Nachrichten. Keine Diskussionen. Keine Verpflichtungen.
Nur das leise Knacken des heißen Auspuffs.
Manchmal sind es genau diese Augenblicke, für die man tausende Kilometer fährt.
Nicht wegen der Sehenswürdigkeiten.
Nicht wegen der Fotos.
Sondern weil man sich selbst wieder begegnet.
Nach einigen Minuten starte ich den Motor erneut.
Der Motor erwacht mit seinem vertrauten Klang zum Leben.
Der erste Gang rastet ein.
Ein leichter Dreh am Gasgriff.
Und die Straße beginnt erneut ihre Geschichte zu erzählen.
Irgendwo zwischen Meer, Bergen und Asphalt wird mir klar:
Manchmal ist der schönste Ort der Welt genau dort, wo das Motorrad gerade hinfährt.
Zwischen den Kilometern liegt nicht die Entfernung.
Dort liegt die Freiheit.
Gunther Verholen – Zwischen den Kilometern 🏍️☀️🇮🇹