11/09/2025
Die Wahrheit über Scherwettkämpfe
Stress, Verletzungen und Tierquälerei... Das sind die Vorurteile über Schafschurwettkämpfe. Aber was passiert da eigentlich wirklich?
Ich denke, ihr wisst, was jetzt kommt: Das Gegenteil ist der Fall.
Der Stress, Schafsicht: Die Schafe stehen in einem Pferch, abseits vom Trubel, werden irgendwann in die kleineren Pens aufgeteilt, werden geschoren, nochmal kurz zum Bewerten festgehalten und dann dürfen sie schon wieder zügig nach Hause. Das Ganze läuft deutlich ruhiger und stressfreier, als es oft um Alltag der Fall ist, da einfach alles für einen optimalen Ablauf aufgebaut ist und die zuständigen Helfer ganz genau wissen, was sie machen.
Zudem stammen die Wettkampfschafe meist aus Großherden und sind es gewohnt, umgetrieben zu werden oder mal eine Weile im Pferch z. B. auf eine Wurmkur zu warten. Da sie wissen, dass dabei nichts Schlimmes passiert und sie danach mit großer Wahrscheinlichkeit auf eine schöne, frische Weide dürfen.
Da hat es das "Gartenschaf" schwerer, das erst eine halbe Stunde über die Wiese gejagt wird, bis man es endlich mal gefangen hat.
Der Stress, Scherersicht: Die Neulinge sind sicher noch etwas nervös, aber deswegen bekommen die auch einfache Schafe, worauf ich später noch eingehe. Die alten Hasen... nun, wir machen auf den Wettkämpfen auch nichts Anderes als im Alltag und von den Zuschauern bekommt man eh nichts mit. Alles halb so wild und tendenziell würde ich eher behaupten, dass man auf Wettkämpfen nochmal extra achtsam schert, um das bestmögliche Ergebnis zu erzielen. Ich plauder sogar nebenbei gerne mit meinem Penman, so wie ich es im Alltag auch mit den Umstehenden mache 😉
Verletzungen, oder: Worum geht es eigentlich?
Standhaft hält sich das Gerücht, es ginge bei diesen Wettkämpfen darum, wer der Schnellste ist.
Nö. Würde auch garkeinen Sinn machen, da es um die Wollernte geht und das Ganze nur lukrativ wird, wenn man die Wolle in bestmöglicher Qualität vom Schaf holt und das Schaf heile lässt, damit es weiter Wolle und Lämmer produzieren kann, statt im schlimmsten Fall noch Tierarztkosten zu verursachen.
Somit besteht die Wertung bei Wettkämpfen aus mehreren Teilen:
- Beim Scheren selber steht ein Richter daneben (einer neben jedem einzelnen Scherer), der second cuts (Nachschnitt) zählt. Wir sollen die Wolle nämlich in nur einem Zug sauber abscheren. Die Fasern durchzuschneiden mindert die Qualität. Zudem guckt er, dass das Vlies im Ganzen bleibt. Das muss sauber an einem Stück bleiben, damit es danach zügig weggenommen, sortiert und ggf. gerollt werden kann. Und der guckt auch, dass wir das Schaf gut behandeln. Treten, an den Ohren ziehen oder sonstwie grob behandeln gibt Strafpunkte und kann in schweren Fällen zum Ausschluss führen!
- Danach wird das Schaf nochmal bewertet. Stehen gelassene Wolle und Verletzungen geben Strafpunkte. Verletzungen sogar richtig viele.
- Die Zeit wird auch bewertet, aber man kann noch so schnell sein; wenn der Rest nicht stimmt, bringt die garnichts.
- Zudem gibt es noch Strafpunkte wenn man andere Scherer behindert (abgehauenes Schaf, das zum anderen Scherstand läuft, Gegner mit Dreckwolle bewerfen...) oder der Helfer im Pen schummelt (Schaf für den Scherer anheben, nen doofen Fussel vorher abzupfen...).
Es gibt noch die Speedshearing Wettkämpfe, bei denen das Hauptaugenmerk tatsächlich auf der Geschwindigkeit liegt. Aber auch hier wird darauf geachtet, dass da keiner teilnimmt, der das garnicht kann und das Schaf gefährden würde!
Niemand möchte ein verletztes Schaf! Nirgends!
Ich bin übrigens beim besten Willen kein sonderlich schneller Scherer, punkte aber in den anderen Bereichen.
So habe ich z. B. so lustige Sachen geschaff, wie einen zweiten Platz trotz abgehauenem Schaf und einer entsprechend eher bescheidenen Zeit 😅
In einigen Ländern muss man sogar erst nachweisen, dass man gut genug scheren kann, bevor man auf Wettkämpfen antreten darf. Das passiert durch Prüfungen und erst mit der entsprechenden Prüfung (nennt sich Seal und ist ähnlich wie die Schwimmabzeichen) und/oder Erfolgen in der niedrigeren Klasse darf man in die jeweils höhere Klasse usw.
Die Sicherheit: Wettkämpfe sind viel sicherer für Schaf und Scherer als der Alltag!
Der Aufbau der Scherstände, Pens usw. ist immer möglichst optimal, sodass kein freilaufendes Schaf irgendwen verletzten kann, kein Werkzeug irgendwo rumliegt, man irgendwo hängen bleibt...
Wie gesagt, steht immer ein Richter direkt neben einem. Der darf nicht helfen, aber im Ernstfall macht der die Maschine aus oder hält mal schnell irgendwas fest, damit nichts passiert. Oder bricht das Ganze ab, wenn der Scherer grobe Fehler macht.
Dazu steht jemand im Pen bei den Schafen. Der hält das jeweils nächste Schaf, damit der Scherer es schnell und sicher greifen kann und achtet zudem darauf, dass kein Schaf aus dem Pen springt, die Tür aufschwingt und jemanden trifft usw.
Ein weiterer Punkt sind die Leute vor dem Stand. Die, die auf den Fotos davor hocken und über die Kante gucken. Die sind dafür zuständig, die Wolle schon beim Scheren aus dem Weg zu schubsen, damit der Scherer nicht drauf tritt, stolpert, ausrutscht oder das Schaf drin hängen bleibt. Noch bevor das Schaf den Scherstand ganz verlassen hat, entfernen die die gesamte Wolle, sodass man bei jedem Schaf einen absolut sauberen, sicheren Scherplatz hat.
Zur Sicherheit der Schafe beim Scheren sind diese außerdem "präpariert".
Zuerst wird aussortiert. Schafe, die kränklich sind, zu dreckig, mager... werden aussortiert. Also die, für die man sich auch im Alltag mehr Zeit nehmen muss, damit keine Fehler passieren. Geschoren werden nur möglichst optimale und gleiche Schafe, wodurch von vornherein weniger Verletzungen entstehen und schneller geschoren werden kann.
Dann wird ausgeschoren. Der Intimbereich wird immer ausgeschoren. Je nach Klasse und den vorhandenen Schafen auch der Bauch oder mehr.
So haben die Schafe für die Anfänger (Junior Klasse) z. B. immer nackige Bäuche und einen großzügig ausgeschorenen Po, sodass man garnicht in die Nähe der empfindlichen Teile kommt. Bei den Blades übrigens auch, da aber eher wegen der Chancengleichheit und weil es auch im Alltag so ist - hier nicht, aber generell. Dazu schreibe ich ein andern mal mehr 😉
Beim Speedshearing sind die Schafe am weitesten ausgeschoren. Bauch, Kopf, Po, bis Flanken/Achseln hoch, sodass wirklich nur das eigentliche Vlies übrig ist - also der Teil, der sowieso am einfachsten, schnellsten und gefahrlosesten geschoren werden kann.
Zu guter letzt ist auf jedem Wettkampf mindestens ein Tierarzt anwesend. Hier auch immer jemand vom Veterinäramt.
So ist immer gewährleistet, dass es den Tieren gut geht, sofort behandelt werden kann, wenn doch mal was passiert usw.
Meist findet man die gelangweilt irgendwo rumsitzen, weil einfach nichts für sie zu tun ist.
Im Großen und Ganzen sind die Scherwettkämpfe durch all diese Maßnahmen, die Wertung und das möglichst optimale Umfeld also sogar sicherer und stressfreier als der Alltag. Schwere Verletzungen passieren nur sehr selten und wenn, dann eher beim Scherer als beim Schaf, weil man z. B. das Schaf oder sein Werkzeug in einer Situation festhält, in der man es im Alltag einfach losgelassen hätte oder es sind Unfälle, die man einfach nicht verhindern konnte. Denn nochmal:
Niemand möchte die Tiere verletzen und vor Allem hätte auch niemand etwas davon.
Auf den meisten Wettkämpfen gibt es nichtmal etwas zu gewinnen, das sich lohnen würde 🤷♀️