11/10/2025
Bundeseinheitlicher Feiertag - ich brauche einen Ersatzreifen
Donnerstag, 21:30 Uhr bei Bad Doberan:
Die grundsätzlich gute Idee, irgendeinen Schlappen auf den Wohnwagen zu ziehen, erwies sich als unmöglich. Der Grund war simpel: Es war schlicht kein passender Reifen im Lager. Tatsächlich auch nicht auf irgendeinem Auto oder Anhänger, der auf dem ADAC-Gelände herumstand. Es wurde alles versucht – andere Felge, andere Reifen – Hauptsache noch irgendwie mit dem Maestro auf den Campingplatz zu kommen.
Der Plan war, am Montag nach dem Wochenende einen neuen, also den richtigen Reifen zu bestellen und am Dienstag zu montieren. In meiner Verzweiflung klang das gut und machbar. Der Urlaub wäre zwar halb dahin gewesen, aber besondere Situationen brauchen besondere Vorgehensweisen.
Doch wie es aussah, war es unmöglich, den Maestro auch nur einen Meter zu bewegen.
Pia war schon seit einiger Zeit kalt geworden. Der nette ADAC-Mensch hatte ihr daher das warme Büro angeboten. So bekam sie von unserem Kampf „Reifen gegen Felge gegen Maestro“ wenig mit. Gegen 22 Uhr stand fest: Keine Chance. Kein passender Reifen. Keine Felge. Nichts. Jetzt musste ich Pia informieren. Auf dem Weg ins Büro überlegte ich mir eine Strategie. Ich kam zu dem Schluss: kurz, klar, direkt. Das Pflaster schnell abreißen. Also sagte ich schon auf dem Weg zu ihr: „Wir kriegen den Reifen nicht drauf. Keine Chance. Und hier ist weit und breit auch kein passender Reifen. Wir kommen hier nicht weg.“
Stille.
Pia sagte nichts. Gar nichts.
Ich wollte beschwichtigen: „Die Jungs haben echt alles probiert, aber es klappt einfach nicht.“
„Das denke ich mir“, sagte Pia ruhig. „…und jetzt?“
Ich hatte keine Ahnung. Der Tag war lang, mein Kopf leer. So saßen wir im ADAC-Büro und starrten in den Raum.
Die beiden ADAC-Mitarbeiter kamen herein, quatschten kurz miteinander und einer verabschiedete sich dann zum nächsten Einsatz. Der andere – Daniel, wie er sich später vorstellte – kümmerte sich um den Papierkram. Ich suchte nach einem Hotel, Pia starrte weiterhin nur geradeaus.
Nachdem geklärt war, welche Summe der ADAC zur Übernachtung übernimmt, suchte ich gezielter nach Hotels in der Nähe. Daniel tippte am PC, Pia starrte.
Plötzlich sagte sie mit Nachdruck: „Ich gehe nicht ins Hotel. Ich bleibe im Wohnwagen.“
Ruhe im Büro.
Daniel nickte: „Das ist machbar. Das haben wir schon öfter gemacht. Wir haben eine Toilette und eine Dusche. Und morgen sieht die Welt schon ganz anders aus.“
Ich wollte diese schöne Vorstellung nicht zerstören, aber egal wo wir heute schlafen – morgen haben wir dasselbe Problem. Und dazu kommt: Feiertag, danach Wochenende. Vor Montag oder Dienstag gibt’s also keinen Ersatzreifen. Doch dann haut Daniel den Gamechanger raus – einfach so:
„Ich hab grad bei Kleinanzeigen gesucht. Einer bietet einen passenden Reifen an. Der ist 30 Kilometer entfernt. Wenn ihr den morgen besorgt, ziehe ich ihn euch auf die Felge und montiere ihn.“
Von einem Moment auf den anderen war ich wieder hellwach.
„Warte“, sagte ich, „wenn ich den Reifen besorge, ziehst du ihn mir auf?“
„Klar“, stimmte Daniel zu.
„Wenn alles klappt, sind wir mit nur einem Tag Verspätung auf dem Campingplatz. Das könnte funktionieren! Wie kann ich dich morgen erreichen?“
„Ich gebe dir meine Handynummer. Ich hab eh Bereitschaft. Das passt schon!“
Die Anzeige war schnell gefunden, meine Nachricht ebenso schnell formuliert. Laut App war der Anbieter seriös, die durchschnittliche Antwortzeit lag bei zehn Stunden. Wenn ich also heute Abend schreibe, kommt vielleicht morgen früh die Antwort. Ich gestaltete die Nachricht etwas dringlicher – und schickte sie ab.
Jetzt konnten wir nichts mehr tun. Aber wir hatten einen Plan. Und das bedeutete Hoffnung. Wir sicherten den Wohnwagen, Daniel verabschiedete sich, ich bereitete den Maestro für die Nacht vor, und Pia zauberte ein Abendessen. Kurz darauf fielen wir todmüde ins Bett.
Meine Nacht war um 7:30 Uhr vorbei.
Ich hatte – untypisch für mich – das Handy nicht auf lautlos gestellt. Falls der Reifenanbieter ein Frühaufsteher war, wollte ich seine Antwort sofort sehen. Die Nachricht, die mich weckte, war allerdings von meiner Tochter. Auch wichtig – aber gerade nicht die Prio 1.
Mein Kopf drehte sich nur um Plan B, den es noch gar nicht gab. Die erneute Suche auf Kleinanzeigen ergab keine weiteren Treffer, auch nicht mit erweitertem Radius.
Vielleicht auf eBay? dachte ich – und suchte dort weiter. Es gab ein weiteres Angebot. Circa eine Stunde und fünfunddreißig Minuten Richtung Osten. In solchen Momenten nimmt man, was man kriegt. Also schickte ich gleich eine Anfrage raus – und hoffte auf eine schnelle Antwort.
Zwei Anfragen. Keine Antwort. Kein Plan B. Festgesetzt auf dem ADAC-Gelände bei Bad Doberan.
Um die Zeit zu nutzen, machten wir uns startklar. Der Kofferraum war ja noch voller Getränke und Campingkram. Beim Räumen kam endlich der ersehnte Anruf.
Der Anbieter von gestern hatte den Reifen noch und könnte ihn in 45 Minuten übergeben. Bingo! Man muss auch mal Glück haben. Also ruckzuck in den Boliden – und los ging die wilde Fahrt.
Der Standort entpuppte sich als absolute Tucht. Kopfsteinpflasterstraßen, Ruinen am Rand, und das Navi zeigte „Offroad“ an. Nach längerer Suche hielt ich an. Rückruf. Wo bin ich? Wo muss ich hin? Der Verkäufer schlug vor, mir seinen Standort per WhatsApp zu schicken – gute Idee. Der Standort kam. Wir waren völlig falsch. Also zurück – und noch tiefer in die Tucht. Ich hielt wieder kurz an, um die Lage zu checken. Pia neben mir bestaunte lieber die Landschaft, als mir zu helfen. Ich stand nur ein paar Minuten – da erschrak ich mich fast zu Tode: Zwei riesige Pferdeköpfe glotzten direkt ins Auto. Offensichtlich hatte ich neben einer Koppel geparkt, und die Zossen waren neugierig, welcher Idiot da so rumstand. Pia prustete los - ich fand das gar nicht lustig. Also weiter.
Nach weiteren zehn Minuten Fahrt tauchte erneut eine alte Ruine auf – ein Bauernhof, der seine besten Zeiten längst hinter sich hatte. Die Hausnummer passte. Ich hielt, stieg aus. Pia blieb im Auto.
Ein großer, fast zahnloser Mann kam auf mich zu. Wäre es nicht früh am Morgen gewesen, hätte ich meine Beine in die Hand genommen und wäre verschwunden. In seiner rechten Hand – der Reifen. Es hätte allerdings auch eine potenzielle Mordwaffe sein können.
Die Übergabe war kurz und sachlich. Ich war heilfroh, wieder im Auto zu sitzen. Auf dem Rückweg rief ich Daniel an – der Rest war ein Kinderspiel.
Der Maestro hatte endlich seinen neuen Schuh und wir wieder Hoffnung auf Urlaub.